Profile der Mutter Bernarda

Das menschliche Profil der Heiligen Maria Bernarda Bütler

von Sr. Consilia Hofer, 1941-2020

Maria Bernarda besass einen harmonischen und festen Charakter. Das psychologische und affektive Gleichgewicht, mit dem sie die negativen Seiten ihres Temperaments auszugleichen verstand, war die Frucht der Gnade Gottes und einer beständigen Persönlichkeitsbildung.

Was den Gehorsam angelangt, zeigte sie eine grosse Wertschätzung und Achtung der Autorität. Ihre Person verkörperte Demut, Klugheit und den Geist bedingungsloser Dienstbereitschaft.

Von schwierigen Ereignissen liess sie sich nicht entmutigen. Die Menschen, denen sie begegnete und mit denen sie zu tun hatte, brachten ihr grosse Wertschätzung entgegen, denn sie war mütterlich gut, mitteilsam, fragte um ihre Meinung und achtete auf ihre Ratschläge und Hinweise. Ihre Worte waren überzeugend, überlegt und klar. Freimütig äusserte sie ihre Ansichten, sprach wenig von sich selber, und drängte ihre Ideen nicht auf.

Sie hatte ein weites Herz und setzte sich ein, dass die Schwestern der Kongregation sich vorrangig den in der Gesellschaft benachteiligten Menschen widmen, ob in Lateinamerika oder in Europa. Sie hatte für sich und die Kongregation das grosse Ziel vor Augen:

  • Mit den einfachen Menschen leben.
  • Ihre kostbaren Werte in sich aufzunehmen.
  • Ihre wirklichen Probleme zu erspüren.
  • Ihre Not ins eigene Herz einzulassen.
  • Im Miteinander mehr Men zu werden.

Das geistige Profil der Heiligen Maria Bernarda Bütler

von Sr. Consilia Hofer, 1941-2020

Die Worte und Schriften von Maria Bernarda sprechen von ihrem bewussten Leben aus dem Glauben, das sie zu ihrem heroischen Einsatz zu motivieren vermochte. In diesem Glaubenslicht verrichtete sie ihre Arbeit – auch die kleinste und unscheinbarste – im Bewusstsein, dass vor Gott nichts klein ist, was mit Liebe getan wird. Sie lebte in Gott und für ihn, und mit Freude sprach sie davon.

Maria Bernarda wurde auf den Weg der Beschauung und der innigsten Vereinigung mit Gott geführt. Der Gedanke, dass Gott ihr Vater war, erfüllte sie mit vollem Vertrauen. Sie liebte den Willen Gottes und bemühte sich, nach ihm zu leben. Sehr oft wiederholte sie: «Wie Gott will!».

Frucht tiefer Gebetserfahrung war ihre Selbsterkenntnis. Im Lichte der göttlichen Vollkommenheit entdeckte sie ihre Schwächen mit grosser Klarheit. Das entmutigte sie nicht, sondern erfüllte sie mit grossem Vertrauen auf die Barmherzigkeit und Liebe Gottes.

Der Herr bereicherte Maria Bernarda mit besonderen Gaben, die sie zu einer leuchteten Ratgeberin und aussergewöhnlichen Frau machten. Für jede Person, die bei ihr Rat und Orientierung suchte, hatte sie für die gegebene Situation das treffende Wort, das zum Guten ermunterte, Angst und Mutlosigkeit verbannte und Frieden schenkte.

Maria Bernarda legte das Evangelium nicht nur aus, sie lebte es in Treue. Ihre Worte bestätigen es: «Mein Leitstern ist das Evangelium. Das Evangelium soll nicht nur das Buch sein, das wir leiben und betrachten, sondern der Weg, den wir gehen und das Leben, das wir leben.»

Bei ihr finden wir die dreifache Dimension der evangelischen Liebe: Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Diese evangelische Ausrichtung baute sie auf sieben Grundpfeilern auf, die das geistige Gebäude der Kongregation tragen sollten: Liebe, Gebet, Armut, die Verkündigung des Evangeliums, Minorität, Demut und Bussgeist.

Die soziale und religiöse Umwelt, die Maria Bernarda von Kindheit umgab, übte einen starken Einfluss auf ihre Leben und ihre Frömmigkeit aus. Sie verehrte besonders die heiligste Dreifaltigkeit, die Person und das Geheimnis Jesu Christi, die Eucharistie, das Leidensgeheimnis Jesu, Maria, die Mutter Jesu und Mutter der Menschen, den heiligen Josef und die seraphischen Heiligen.

Was hat unsere Mutter Bernarda zur Heiligkeit geführt

von Jorge Enrique Jiménez Carvajal, Erzbischof von Cartagena 2005-2021, anlässlich der Heiligsprechungsfeierlichkeiten in Rom

Die Heiligkeit des Lebens von Mutter Bernarda entstand

  • im Kontakt mit dem Wort Gottes. «Mein Leben ist das Evangelium»
  • im Kontakt mit der Eucharistie. Sie wollte die Welt durchqueren und den Männern und Frauen die Liebe zur Eucharistie mitteilen.
  • Im Kontakt mit dem armen Jesus Christus und in ihrer Verpflichtung gegenüber den Armen. «Unser einziger Reichtum soll Jsesus sein. Trösten wir uns mit dem Notwendigsten. Alles andere ist Dünkel.»

Die Heiligkeit des Lebens von Mutter Bernarda nährte sich von einem ständigen Leben im Gebet. Sie lebte eine tiefe kontemplative Intimität und erkannte die ständige Liebe und Gegenwart Jesu. Sie fand einen permanenten Antrieb in ihrer Liebe zur Heiligsten Jungfrau Maria. Bei ihr entdeckt sie den Weg zur Nachfolge Jesu und rief die Schwestern dazu auf, authentische Töchter Mariens zu sein.

Die Heiligkeit von Mutter Bernarda zeigte sich in grossartige Weise in ihrer Hingabe zum Auftrag der Kirche. Aus dieser Liebe zur Kirche und ihrer Liebe zum Wort Gottes entsprang ihre grenzenlose missionarische Seele.

Die Heiligkeit des Lebens von Mutter Bernarda fand ihren grössten Ausdruck darin, Missionarin der Barmherzigkeit zu sein.

Wir könnten noch weitere Attribute dieses heiligen Lebens aufzählen, müssen aber Halt machen und uns fragen: «Welche Spuren hat das Ereignis der Kanonisierung in mir hinterlassen? Könnte ich behaupten, dass dieses Ereignis mich zu einem grösseren Erleben des von unserer Gründerin geerbten Charismas motiviert hat? … oder ist es nur bei einer temporären Feier geblieben? Das ist die Gelegenheit, um die Transzendenz dieses Ereignisses in meinem Leben zu überdenken. So sprach wohl Monsignore Carlos José Viera in der Predigt in Barranquilla am 8. November 2008 bei der Kanonisierung: «Diese Eucharistiefeier ist beinahe der Beginn einer Verpflichtung: den kleinen Flecken der Welt zu missionieren, auf dem wir uns befinden, in der Familie, in der Arbeit, in unseren Beziehungen. Denn in der Nachahmung der Heiligen Maria Bernarda lasst uns davon überzeugt sein, dass es an uns obliegt, unsere Umwelt zu evangelisieren.»

Eines der Ziele, die wir uns im Prozess der Kongregation gesetzt haben, ist «Eine neue Bedeutung unseres geweihten Lebens mit Jesus im Mittelpunkt und der Identität unseres Charismas zu finden und dieses im Leben und in der missionarisch-prophetischen Stärke zu bezeugen.» Möge dieses Ziel im Leben einer jeder von uns umgesetzt werden und die 10-Jahresfeier möge eine weitere Motivation dafür sein, unsere Arbeit für die Verbreitung des Reiches Gottes als Antwort auf die konkrete Realität von heute fortzusetzen.

Maria Bernarda zum Schuldienst

Die Haltung der Heiligen Maria Bernarda Bütler zum Schuldienst war praxisnah, christlich-humanistisch und ganzheitlich geprägt. Sie sah den Unterricht als Dienst an den Kindern, der nicht nur Wissen vermittelte, sondern ihre «Herzen» bilden sollte, so nahmen im Unterricht Katechismus und die Bibel einen wichtigen Platz ein. Folgende Grundprinzipien können aus den Schriften und mündlichen Zeugnissen herausgearbeitet werden:

  1. Erziehung im Geist der Liebe und des Vorbilds

    Maria Bernarda glaubte an die Kraft des guten Beispiels. Pädagogik bedeutete für sie: Vorleben statt Vorschreiben.

    „Man lehrt am besten durch das, was man ist, nicht nur durch das, was man sagt.“

    „Ein gutes Beispiel wirkt mehr als viele Worte.“

 
  1. Förderung von Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit

    In ihrer Ordensgemeinschaft ermutigte sie die Schwestern, eigenständig zu denken und zu handeln, aber stets im Geist des Glaubens und der Gemeinschaft. Sie schätzte Verantwortungsträgerinnen und legte Wert auf eine gute Ausbildung der Schwestern, damit sie kompetent unterrichten, pflegen und führen konnten. Sie ermuntere ihre Mitschwestern insbesondere auf die Kinder einzugehen.

    „Stellt keine zu hohen, unpraktischen und unklaren Fragen, sondern so, wie es der Fassungskraft des Kindes, dem Lernziel und Schulprogramm entspricht.“

 
  1. Glaube als Fundament der Erziehung

    Für Maria Bernarda war jede Form von Bildung und Erziehung untrennbar mit dem christlichen Glauben verbunden. Ziel war nicht nur Wissensvermittlung, sondern Charakterbildung und Herzensbildung im Sinne des Evangeliums.

    Daher konnte Mutter Bernarda auch dem Vorschlag der revolutionären Regierung von Ecuador nicht zustimmen einen Schuldienst ohne religiöse Unterweisung zu geben. Lieber flüchteten sie und ihre Mitschwestern und liessen alles zurück und fingen in Cartagena mittellos wieder neu an.

 
  1. Erziehung zur Nächstenliebe und zum Dienst

    Sie förderte bei ihren  jungen Mitschwestern eine dienende Grundhaltung, insbesondere gegenüber Armen, Kranken und Kindern. Erziehung sollte zur tätigen Liebe befähigen, nicht nur zur Selbstverwirklichung. Sie selbst lebte ein Leben in Armut, Demut und Nächstenliebe – und erwartete von ihren Mitschwestern nicht primär Gehorsam aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.

 
  1. Geduld, Güte und Barmherzigkeit

    Sie war überzeugt, dass man Menschen nur mit Geduld, Milde und Verstehen wirklich prägen kann. Strenge und Disziplin waren ihr nicht fremd, aber sie setzte vor allem auf liebevolle Zuwendung.

    „Mit unbesieglicher Liebe, Geduld und Freundlichkeit erlangt ihr bei den Kinderseelen hundertmal mehr als mit zu grosser Strenge“

    „Kinder muss man mit Geduld formen; was man mit Härte erzwingt, geht im Herzen verloren.“

 
  1. Bildung für alle – besonders für Benachteiligte

    In ihrer Missionsarbeit setzte sie sich besonders für die Bildung armer Kinder und Frauen ein. Sie erkannte früh den Wert von Bildung als Schlüssel zur Befreiung aus Not und Abhängigkeit – sowohl weltlich als auch geistlich.

    Die Anforderungen sollten auch Möglichkeiten der Eltern berücksichtigen, so empfahl sie bei den Handarbeiten einfache Werkstoffe, um den Eltern nicht unnötige Auslagen zu verursachen

    „Seid immer allen gleich gewogen, eher mehr den ärmsten, unansehnlichen, zurückgebliebenen Kindern zu getan. Dies Art der Vorliebe schadet nach keiner Seite hin.“

Maria Bernardas Pflegeverständnis

Der Pflegedienst war in den Augen von Maria Bernarda keine Funktion, sondern eine ganzheitliche Tätigkeit aus dem Glauben heraus. Es lassen sich folgende Leitgedanken leiten:

  1. Bedingungslose Nächstenliebe (Caritas)

    Pflege soll als Akt der Nächstenliebe am ganzen Menschen, nicht nur an seiner Krankheit erfolgen. So war für sie die Pflege ein besonderer Akt der Liebe zu Gott, der sich im Dienst am leidenden Menschen ausdrückt. Im jedem leidenden Menschen soll man Jesus Christus sehen.

    „In Kranken sollen wir nicht nur den Menschen sehen, sondern in ihm Gott selbst dienen.“

 
  1. Ganzheitliche Pflege

    Sie betrachtete den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist. Pflege bedeutete für sie, nicht nur Wunden zu heilen, sondern auch Trost zu spenden, zu beten und spirituelle Begleitung zu leisten.

    Gerade auch der Tod hatte für sie eine grosse Bedeutung auf dem Krankenbett. So harrte sie aus wie eine Mutter, bis der letzte Seufzer getan war. Sie sorgte für ein christliches Begräbnis und bete viel für die Seelenruhe.

 
  1. Demut und Hingabe, Achtung vor der Würde jedes Menschen

    Maria Bernarda lebte eine Haltung der Demut. Pflege war für sie ein Dienst, kein Beruf im modernen Sinn. Würde, Zuwendung und Beziehung erachtete sie zentraler Bestandteil der Pflege, also Mitgefühl statt blosse Funktion.

    Gerade in ihrem Einsatz für arme, ausgegrenzte und kranke Menschen zeigte sie besonders grossen Respekt vor deren Würde, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status.

    „Beinahe beneide ich Euch, die Ihr von Eurem himmlischen Bräutigam gewürdigt werdet, Ihm in Seinen Lieblingen den armen Kranken zu dienen. Lernt diese hohe, heilige Aufgabe gut, in den kranken Gliedern Jesu immer den Heiland selbst zu pflegen. So werdet Ihr es dahin bringen, den schönen Namen «Engel der Liebe» zu verdienen.“

 
  1. Missionarischer Geist

    Pflege war für sie auch ein Weg der Evangelisierung. Durch tätige Nächstenliebe wollte sie Gottes Liebe sichtbar machen – besonders in schwierigen Lebenssituationen.

    „Wenn Kranke mit dem Tode ringen, dann ringt auch Ihr mit Gott, dass Er Euch in Seiner unendlichen Barmherzigkeit diese Seele schenkt, gerettet für die endlose Ewigkeit.“

 
  1. Gemeinschaft und Zusammenarbeit

    In der von ihr gegründeten Kongregation – den Franziskaner-Missionsschwestern von Maria Hilf – legte sie großen Wert auf gelebte Gemeinschaft. Pflege geschah nie isoliert, sondern immer im Team, geprägt von gegenseitiger Unterstützung. Sie und ihre Schwestern verrichteten einfache, oft auch niedere Arbeiten mit großer Hingabe – ohne Ansehen der Person.

    „Bernarda gereichte uns allen zur Erbauung: denn sie vollzog, gleich der letzten im Hause, die niedrigsten Dienste. Sie beschäftigte sich in der Waschküche, wo sie die schmutzige, oft ekelhafte Wäsche der Kranken wusch und nachher ausbesserte.“
Stern auf transparentem Hintergrund
Es genügt nicht, den Frieden allein für euch zu erobern, strahlt ihn aus auf eure Umgebung!
Der liebe Gott in der Schöpfung wurde mein Lehrmeister!
Mit unbesieglicher Liebe, Geduld und Freundlichkeit erlangt ihr bei den Kinderseelen hundertmal mehr als mit zu grosser Strenge.